26. Februar 2015 | News, Views & Markets

Deutsche Textilmaschinenausfuhren nach China steigen

Die chinesische Textil- und Bekleidungswirtschaft steht an einem Wendepunkt. Die traditionellen Wettbewerbsvorteile - günstige Löhne, preiswerte Massenfertigung - schwinden rapide. Die Produktivität muss massiv erhöht werden. Überdies macht der starke Wechselkurs den Anbietern zu schaffen. Zum schwierigeren Export kommt der anspruchsvollere Inlandsmarkt. Ohne hohe Investitionen sind die Herausforderungen nicht zu meistern. Deutsche Textilmaschinenhersteller sehen gute Absatzchancen.

Die chinesische Textil- und Bekleidungswirtschaft entwickelt sich zwar nicht mehr ganz so dynamisch, aber immer noch überdurchschnittlich positiv. Im Jahr 2014 erwirtschafteten die über 100.000 Textil- und Bekleidungsfirmen mit ihren rund 9,4 Mio. Beschäftigten ein Umsatzplus von 6,4% auf 5,8 Mrd. Renminbi Yuan (RMB; rund 712 Mrd. Euro; 1 Euro = 8,196 RMB, Jahresdurchschnittskurs 2014). Die Gewinne des Sektors stiegen um 6,1% auf 331,3 Mrd. RMB. Für den kommenden 13. Fünfjahresplan (2016 bis 2020) erwartet die Branche ein verlangsamtes, aber dessen ungeachtet stabiles Wachstum leicht unterhalb der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Hauptstütze für den Erfolg war bislang der Verkauf im Ausland. Derzeit erzielt die Branche fast drei Viertel ihrer Umsätze auf internationalen Märkten. Im Jahr 2013 waren dies rund 74%, wohingegen es 2000 mit 48% nur knapp die Hälfte gewesen war, so die China National Textile Association (CNTA). Im Jahr 2014 belief sich der Ausfuhrwert auf 287,6 Mrd. US$, ein Plus von 5% gegenüber dem Vorjahr. China ist der größte Exporteur von Textilien und Bekleidung. Auch 2015 dürfte der Export nach Einschätzung des Verbandes wieder einstellig wachsen. Etwas stärkere Impulse kommen neuerdings dank der steigenden Einkommen vom Binnenmarkt.

Trotz der offenkundig robusten Ausgangssituation sieht sich die chinesische Textil- und Bekleidungsindustrie enormen Herausforderungen gegenüber: denn ihre traditionellen Wettbewerbsvorteile schwinden. Kurzfristig wird sie deshalb kräftig in die Modernisierung ihrer Betriebe investieren müssen, um international konkurrenzfähig zu bleiben und zugleich national den steigenden Kundenansprüchen gerecht werden zu können.

Deutsche Textilmaschinenausfuhren nach China steigen

Über den Modernisierungsschub konnten sich 2014 bereits deutsche Textilmaschinenhersteller freuen. Nach einem eher schlechten Jahr 2013 bezog die VR China in den ersten drei Quartalen entsprechende Maschinen und Anlagen im Wert von 981 Mio. US$ aus Deutschland, 3,4% mehr als in der Vergleichsperiode 2013. Insgesamt dürften 2014 rund 1,2 Mrd. US$ erreicht werden. Im Jahr 2013 hatte Deutschland nach chinesischer Zollstatistik mit einem Importanteil von 31,5% hinter Japan (32,2%) an zweiter Stelle unter den Lieferländern für Textilmaschinen gelegen. Wichtigster Konkurrent aus Europa ist Italien.

Politik fordert mehr Nachhaltigkeit

Zu schaffen machen der Branche außerdem die schärferen Umweltauflagen, die gerade für Färbereien einen Kostenfaktor darstellen. Hierzu zählt auch das zum 1.1.15 in Kraft getretene neue Umweltgesetz. In ihm sind zwar keine neuen Grenzwerte festgesetzt, allerdings ermöglicht es unter anderem, unbegrenzte Bußgelder gegen verschmutzende Unternehmen zu verhängen, welche überdies täglich erhoben werden dürfen. Dies gilt als großer Fortschritt gegenüber den bisherigen, einmaligen Strafen mit sehr niedrigen Obergrenzen. Eine Implementierung der bestehenden Grenzwerte wird daher zumindest wahrscheinlicher.

In der Tat gilt die von der Textilindustrie verursachte Umweltverschmutzung als erheblich. So kamen selbst die chinesischen Medien 2013 nicht umhin, über die Existenz sogenannter Krebsdörfer im Kreis Shaoxing, Provinz Zhejiang, zu berichten. In diesen hatten die Abwässer der Färbereien zu einem deutlich erhöhten Auftreten von Krebserkrankungen geführt.

Im derzeit noch gültigen 12. Fünfjahresplan (2011 bis 2015) gehört die Textilindustrie deshalb nicht grundlos zu den sieben Kernindustrien, in denen besondere Anstrengungen im Umweltschutz unternommen werden sollen. Allerdings hinkt die Umsetzung der Maßnahmen aufgrund fehlender Kontrollen und der eher kleinteiligen Industriestruktur den Zielen deutlich hinterher.

Modernisierungspotenzial bei Weitem noch nicht ausgeschöpft

In der Tat ist das Potenzial zur Schonung der Umwelt und zur Modernisierung bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Nach Einschätzung eines Unternehmensvertreters ist ein Drittel der vor Ort eingesetzten Maschinen älter als zehn Jahre. "Wir sind erst bei Industrie 2.0", fasste es ein Referent des China National Textile and Apparel Council (CNTAC, Beijing) auf dem "10th Annual Meeting of China Textile Round-Table Forum" im Januar 2014 in Beijing zusammen.

Im Zentrum des Forums stand eigentlich die Frage, wie sich die Branche an die von Staatspräsident Ji Xinping ausgerufene "Neue Normalität" - sprich den deutlich niedrigeren gesamtwirtschaftlichen Wachstumsraten und der gewünschten stärkeren Ausrichtung auf Qualität und Umweltschutz - anpassen könne. Doch nicht nur der "politisch verordnete" Schwenk zu mehr Nachhaltigkeit zwingt die Branche zum Umdenken und zu neuen Investitionen.

Daneben beschäftigt sie in erheblichem Maße, wie sie sich angesichts steigender Lohn- und Gehaltskosten im Inland, vergleichsweise hoher Energiepreise, teurer werdender Ausgangsmaterialien und neuerdings durch den immer stärker werdenden Renminbi Yuan international behaupten kann. „Die Arbeitskosten sind kein Wettbewerbsvorteil mehr für China", so ein Branchenvertreter. Tatsächlich habe sich die Lohndifferenz, sagte ein Vertreter des Ministry of Commerce (MOFCOM), zu den USA auf 7 US$ die Stunde verringert.

In diesem Zusammenhang war sogar von der kostenbegründeten Abwanderung eines Textilunternehmens in die USA die Rede. Ganz unwahrscheinlich ist dies nicht, berichtet doch das US-amerikanische Beratungsunternehmen A.T. Kearney für 2014 von branchenübergreifend 300 US-Firmen, die ihre Produktion zurück in die Staaten verlagert hätten (2013 seien es 210 gewesen).

Zwar seien die Löhne in China nach wie vor geringer, jedoch fielen die Transportkosten für den Verkauf in den USA weg und überdies lägen die Strom- und Gaskosten dort erheblich niedriger. Hinzu käme die deutlich höhere Produktivität als in der Volksrepublik. Die lokalen Betriebe müssten daher dringend ihre Kosten senken - allerdings dürfe dies nicht zu Lasten der Umwelt oder der Arbeitnehmerschaft gehen.

Lohnkostensteigerungen führen zu Automatisierung und Abwanderung

Die zunehmend spürbarer werdende Arbeitskräfteknappheit tut ein Übriges. Zum einen nimmt die Zahl der Bevölkerung im erwerbstätigen Alter (15 bis 59 Jahre) infolge der demografischen Entwicklung in China seit 2012 ab; 2013 verringerte sie sich laut National Bureau of Statistics (NBS) um 2,4 Mio. Personen auf 919,4 Mio. Bis 2023 soll sich der jährliche "Schwund" auf 8 Mio. Personen erhöhen. Im Kampf um Arbeitskräfte steht der Textilsektor zum anderen in Konkurrenz mit dem wachsenden Dienstleistungssektor, dessen Anteil am BIP 2013 erstmals denjenigen des Industriesektors übertraf.

Neben vermehrter Automatisierung bietet die geografische Verlagerung einen weiteren Ausweg, dem Kostendruck zu entgehen. Bislang ist die Industrie vorwiegend am Perlfluss- und am Yangzi-Delta angesiedelt. Laut China National Garment Association (CNGA) entfallen etwa 70% des Produktionsvolumens auf die fünf Provinzen Shandong, Jiangsu, Zhejiang, Fujian und Guangdong. Von der Politik unterstützt wird der Umzug in die noch günstigeren Zentral- und Westprovinzen. Dies geschieht nicht zuletzt zum Erhalt der lokalen Arbeitsplätze und zur Entwicklung der strukturschwachen Regionen des Landes.

In diesem Sinne befürwortet auch die CNGA den Umzug von Bekleidungsherstellern nach Xinjiang. In der Westprovinz werden 30% der Baumwolle des Landes angebaut. China insgesamt ist mit 6,2 Mio. t im Jahr 2014 der größte Baumwollerzeuger weltweit. Nach Verbandsinvestitionen planen die Behörden Investitionen in Höhe von 3,2 Mrd. US$, unter anderem für die Errichtung von "Textilindustrieparks". In den nächsten zehn Jahren sollen 1 Mio. Arbeitsplätze in der Branche geschaffen werden.

Ein weiterer Versuch, die chinesische Textilindustrie von der Küste in den Westen zu verlagern, stellt der Ningxia Ecological Textile Industrial Demonstration Park dar, der im Dezember 2014 eröffnet wurde. Bis 2020 sollen hier laut der Website china.org.cn circa 50.000 Menschen in der Textilindustrie arbeiten.

Verzahnung aller Fertigungsstufen substanziell

Inwieweit diese Bemühungen von Erfolg gekrönt sein werden, bleibt abzuwarten. Fakt ist, dass bereits heute eine Abwanderung ins preiswertere Ausland stattfindet - etwa nach Bangladesch, Vietnam oder Kambodscha. Allerdings sind ihr gewisse Limits gesetzt, da diese Länder angesichts der von China gelieferten Mengen vielfach an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Hinzu kommt die hier vorhandene außerordentlich vorteilhafte Verzahnung der verschiedenen Fertigungsstufen von der Baumwollernte über die textile Verarbeitung bis hin zur Endkonfektion.

Trotz aller Klagen gibt sich die chinesische Textil- und Bekleidungsbranche deshalb insgesamt optimistisch: Bei Steigerung von Produktivität durch den Einsatz modernerer Maschinen, mehr Automatisierungs- und Informationstechnik, verstärkten Anstrengungen in Innovation und Markenbildung sowie größerer Fokussierung auf die chinesische Binnennachfrage - speziell in den nachholenden Zentral- und Westprovinzen - sei die Gefahr einer Krise nicht gegeben, heißt es einhellig.

Generell dürften größere Unternehmen aufgrund ihres stärkeren finanziellen Rückhalts mit den anstehenden Modernisierung- und Umstrukturierungsprozessen besser zurechtkommen als die unzähligen, bereits derzeit ums Überleben kämpfenden kleineren und mittleren Betriebe. Konzerne wie beispielsweise die staatliche Beijing Textile Holding sind ohnehin dabei, in andere Sektoren (Immobilien, Informationstechnologie, Logistik etc.) zu diversifizieren und so die Geschäftsrisiken besser zu verteilen. Eine Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung der nötigen Maßnahmen sei überdies eine größere Konzentration auf das Thema Ausbildung.

Mehr Informationen: www.ixpos.de

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