Aktien im Fokus: Gerresheimer unter Druck, TKMS mit Rekordauftrag, HPQ Silicon vor entscheidender Phase
Während Gerresheimer weiterhin mit den Folgen bilanzieller Unregelmäßigkeiten kämpft, hat Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) den größten Auftrag seiner Unternehmensgeschichte gewonnen. Gleichzeitig arbeitet der kanadische Technologiekonzern HPQ Silicon daran, seine Silizium-Technologien erstmals in den kommerziellen Einsatz zu bringen. Für Investoren ergeben sich daraus sehr unterschiedliche Chancen und Risiken.
Gerresheimer: Vertrauensverlust belastet die Perspektiven
Die Gerresheimer-Aktie steht seit Monaten unter erheblichem Druck. Auslöser waren Unregelmäßigkeiten bei der Bilanzierung von Umsätzen, insbesondere im Zusammenhang mit sogenannten Bill-and-Hold-Geschäften. Dabei wurden Umsätze verbucht, obwohl die entsprechenden Waren noch nicht ausgeliefert waren.
Das Unternehmen räumte Fehler ein und kündigte an, Umsätze von rund 28 Millionen Euro nachträglich zu korrigieren. Im Anschluss weitete die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ihre Untersuchung deutlich aus. Neben der Umsatzrealisierung rückten Leasingverbindlichkeiten, aktivierte Entwicklungskosten und mögliche verspätete Wertberichtigungen in den Fokus der Prüfer.
Besonders schwer wiegen die angekündigten Abschreibungen zwischen 220 und 240 Millionen Euro, die vor allem die Tochtergesellschaft Sensile Medical betreffen. Gleichzeitig verzögerte sich die Veröffentlichung des testierten Jahresabschlusses mehrfach, was die Unsicherheit an den Kapitalmärkten zusätzlich verstärkte.
Zwar liegt inzwischen ein geprüfter Konzernabschluss vor, operativ bleibt die Situation jedoch angespannt. Sinkende Gewinne, mehrere verlustreiche Quartale und ein reduzierter Ausblick haben zahlreiche Analysten dazu veranlasst, ihre Kursziele deutlich zu senken. Die Aktie gilt derzeit als einer der problematischeren Werte im deutschen Gesundheitssektor.
TKMS sichert sich historischen Milliardenauftrag
Ein völlig anderes Bild zeigt sich bei Thyssenkrupp Marine Systems. Die Kieler Marinesparte konnte sich im internationalen Wettbewerb gegen mehrere Konkurrenten durchsetzen und erhält den Zuschlag für den Bau neuer U-Boote für Kanada.
Geplant ist die Lieferung von bis zu zwölf U-Booten des Typs 212CD, die gemeinsam mit Norwegen entwickelt wurden und speziell für Einsätze in arktischen Gewässern ausgelegt sind.
Offizielle Vertragsdetails wurden zwar nicht veröffentlicht, Branchenbeobachter schätzen den Wert des Bauauftrags jedoch auf rund 20 Milliarden Euro. Einschließlich Wartung, Ersatzteilen und langfristigem Service könnte das Gesamtvolumen über die gesamte Laufzeit auf etwa 62 Milliarden Euro anwachsen. Die erste Auslieferung wird für 2033 erwartet.
Der Auftrag zählt zu den größten Marineprojekten weltweit und verschafft TKMS langfristige Planungssicherheit.
Warum der Kanada-Auftrag für TKMS so wichtig ist
Der Zuschlag verändert die Perspektiven des Unternehmens in mehreren Bereichen:
- Die Auslastung der Werften dürfte bis weit in die 2040er-Jahre gesichert sein.
- Neben dem Standort Kiel profitiert auch die Werft in Wismar, wo bis zu 1.500 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen könnten.
- Kanada setzt künftig stärker auf europäische Verteidigungstechnologie und reduziert damit seine bisherige starke Abhängigkeit von US-Lieferanten.
- Der Großauftrag stärkt die internationale Marktposition von TKMS im Bereich konventioneller U-Boote nachhaltig.
Mehrere Analysten haben nach Bekanntgabe des Vertrags ihre Gewinnprognosen angehoben und ihre Einschätzungen für die Aktie verbessert.
HPQ Silicon arbeitet am Übergang zur Serienproduktion
Während Gerresheimer und TKMS etablierte Industrieunternehmen sind, befindet sich HPQ Silicon in einer anderen Entwicklungsphase. Das kanadische Unternehmen entwickelt neue Verfahren zur Herstellung von Silizium und Batteriematerialien mit deutlich geringerem Energieverbrauch und niedrigeren CO₂-Emissionen.
Nach mehreren Jahren der Forschung konzentriert sich das Unternehmen nun auf die Kommerzialisierung seiner Technologien.
Eine Kapitalerhöhung brachte zuletzt rund drei Millionen kanadische Dollar ein. Das Geld soll vor allem den Ausbau der Pilotanlagen und die Weiterentwicklung siliziumbasierter Batteriematerialien finanzieren.
Zusätzlichen Rückenwind erhält HPQ Silicon durch die vollständige Integration der französischen Tochtergesellschaft Novacium SAS. Dadurch sicherte sich das Unternehmen umfassende Rechte an mehreren Schlüsseltechnologien, die künftig weltweit vermarktet werden sollen.
Nach Angaben des Managements laufen Gespräche über verschiedene Kooperationsmodelle, darunter Lizenzvereinbarungen, Joint Ventures und industrielle Partnerschaften.
Unterschiedliche Chancen für Investoren
Die drei Unternehmen stehen derzeit für sehr unterschiedliche Investmentprofile. Gerresheimer befindet sich weiterhin in einer Restrukturierungsphase. Entscheidend wird sein, ob das Management das Vertrauen der Investoren zurückgewinnen und die operative Entwicklung stabilisieren kann.
TKMS profitiert dagegen von einem außergewöhnlich hohen Auftragsbestand. Der Kanada-Vertrag verbessert die langfristigen Wachstumsaussichten erheblich und stärkt die Position des Unternehmens im internationalen Verteidigungsmarkt.
HPQ Silicon bleibt hingegen ein klassischer Wachstumswert. Gelingt der erfolgreiche Übergang von der Pilotanlage zur industriellen Produktion, könnte das Unternehmen von der steigenden Nachfrage nach modernen Batteriematerialien profitieren. Bis dahin bleibt das Geschäftsmodell jedoch mit den typischen Risiken eines Technologieunternehmens in einer frühen Entwicklungsphase verbunden.
Risiken bleiben unterschiedlich ausgeprägt
Trotz der positiven Nachrichten bestehen bei allen drei Unternehmen weiterhin Unsicherheiten.
Bei Gerresheimer dürfte die Entwicklung in den kommenden Quartalen maßgeblich davon abhängen, ob weitere bilanzielle Belastungen ausbleiben und die Profitabilität zurückkehrt.
TKMS steht vor der Herausforderung, eines der größten Marineprojekte Europas termingerecht und innerhalb der vorgesehenen Budgets umzusetzen. Großaufträge dieser Größenordnung bergen grundsätzlich Risiken durch Verzögerungen oder steigende Kosten.
HPQ Silicon wiederum benötigt für den Ausbau seiner Technologien weiterhin erhebliche Investitionen. Sollten geplante Industriepartnerschaften später als erwartet zustande kommen, könnte zusätzlicher Kapitalbedarf notwendig werden.
Fazit
Die Entwicklungen bei Gerresheimer, TKMS und HPQ Silicon zeigen, wie unterschiedlich sich Unternehmensgeschichten derzeit am Aktienmarkt entwickeln können.
Gerresheimer arbeitet daran, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen und die Folgen der Bilanzprobleme hinter sich zu lassen. TKMS startet mit dem kanadischen Großauftrag in eine neue Wachstumsphase und sichert sich eine außergewöhnlich hohe Auslastung über viele Jahre. HPQ Silicon steht dagegen vor der entscheidenden Aufgabe, innovative Technologien erfolgreich in den industriellen Maßstab zu überführen.
Für Anleger bedeutet das: Während TKMS derzeit von einer außergewöhnlich starken operativen Dynamik profitiert, bleibt Gerresheimer vor allem ein Turnaround-Kandidat. HPQ Silicon bietet langfristiges Potenzial, ist jedoch weiterhin ein Investment mit erhöhtem Risiko.

