Serbien prüft Verstaatlichung von Gazproms NIS unter wachsendem Sanktionsdruck der USA

Serbien prüft Verstaatlichung von Gazproms NIS unter wachsendem Sanktionsdruck der USA
17 November 2025 Aus Von Daniel Hoffmann

Kurze Zusammenfassung

  • Serbien prüft die Übernahme seines größten Ölunternehmens, nachdem US-Sanktionen die Versorgung belasten.
  • Die Pipeline-Lieferungen aus Kroatien wurden gestoppt und erhöhen den Druck auf Belgrad.
  • Die Krise legt Serbiens langjährige Abhängigkeit von russischer Energie offen.
  • Politische Spannungen nehmen zu, da staatliche Institutionen umgebaut und ausländische Investoren bevorzugt behandelt werden.

Serbien sucht nach Ablehnung des US-Restrukturierungsplans dringend nach Lösungen

Serbien prüft mit Hochdruck die Verstaatlichung des Ölkonzerns NIS, nachdem die Vereinigten Staaten Belgrads Vorschlag zur Neuordnung der Unternehmensführung abgelehnt haben. Die US-Entscheidung, Teil der am 9. Oktober eingeführten Sanktionen, gab der Regierung eine Frist von sieben Tagen, um einen tragfähigen Plan vorzulegen. Daraufhin berief Belgrad eine Dringlichkeitssitzung des Kabinetts ein und räumte ein, dass die Krise durch rechtzeitige Maßnahmen hätte verhindert werden können.

Fast zehn Monate ließ die Regierung die Unsicherheit um ein Unternehmen wachsen, das einen bedeutenden Anteil an der Raffinerieproduktion und dem Kraftstoffverkauf des Landes trägt. Nun, angesichts drohender Engpässe, beschleunigt Belgrad Maßnahmen, die lange hinausgeschoben wurden.

Bedeutung von NIS: Strategische Anlagen und russische Eigentümer

NIS betreibt Serbiens einzige Ölraffinerie und verfügt über das größte Tankstellennetz des Landes. Damit ist das Unternehmen ein zentraler Pfeiler der nationalen Energieversorgung. Rund 45 Prozent gehören Gazprom Neft, etwa 30 Prozent dem serbischen Staat und weitere 11 Prozent einer mit Gazprom verbundenen Firma.

Infolgedessen diskutieren Beobachter die Möglichkeit, dass ein regionaler Energiekonzern als Käufer infrage kommen könnte. Offizielle Bestätigungen dafür gibt es jedoch nicht. Die US-Sanktionen, die bereits im Januar angekündigt wurden, um russische Einnahmen zur Finanzierung des Kriegs in der Ukraine zu reduzieren, erschweren inzwischen stark die Zusammenarbeit von NIS mit Banken, die Beschaffung von Rohöl und internationale Geschäftsaktivitäten.

Große Abhängigkeit bringt Wirtschaft in Gefahr

Der Druck nahm weiter zu, als der kroatische Pipelinebetreiber die Rohöllieferungen an NIS nach der US-Ankündigung einstellte. Serbien ist besonders über die Adria-Pipeline auf diese Lieferungen angewiesen, die etwa ein Viertel des gesamten Ölbedarfs decken. Ohne rasche Alternativen drohen NIS operative Ausfälle, die sich schnell auf Transport, Industrie und Teile des Finanzsektors auswirken könnten.

Die Krise verdeutlicht Serbiens Verwundbarkeit, die auf ein Privatisierungsabkommen aus dem Jahr 2008 zurückgeht. Damals verkaufte die Regierung die Mehrheitsanteile an NIS zu einem Preis, den Kritiker als sehr niedrig einstuften, im Austausch für politische Zusicherungen Moskaus bezüglich des Status von Kosovo bei den Vereinten Nationen. 

Heute ist Belgrad dadurch stark von russischer Energie abhängig. Regierungsvertreter befürchten nun, dass Russland im Falle einer Verstaatlichung mit Einschränkungen der Gaslieferungen reagieren könnte.

Russisch-serbische Achse: Identitätspolitik inmitten der Energiekrise

Während die Regierung mit der Energiekrise ringt, treibt sie gleichzeitig innenpolitische Projekte voran, die kulturelle und politische Nähe zu Russland betonen. Die Behörden in Niš kündigten die Gründung einer neuen Fakultät für Serbische Studien an, die aus Abteilungen der bisherigen Philosophischen Fakultät gebildet werden soll. 

Kritiker sehen darin einen Eingriff in die akademische Autonomie und einen Versuch, eine Einrichtung zu schwächen, die Proteste für Transparenz und Rechtsstaatlichkeit unterstützt hatte. Zudem soll die neue Fakultät verstärkt russische Sprach- und Kulturprogramme anbieten.

US-Verhandlungen und beschleunigte Immobilienprojekte

Parallel dazu versucht Präsident Aleksandar Vučić, die Vereinigten Staaten zu einer Verschiebung der Sanktionen zu bewegen, während er gleichzeitig ein großes US-nahes Immobilienprojekt in Belgrad unterstützt. Ein Unternehmen mit Beteiligung von Jared Kushner unterzeichnete einen langfristigen Pachtvertrag zur Umgestaltung des ehemaligen Generalstabsgebäudes in ein Luxushotel. Kürzlich stufte ein Sondergesetz das Projekt als dringlich ein, sodass es trotz laufender Untersuchungen zum früheren Denkmalschutzstatus schneller voranschreiten kann.

Darüber hinaus sucht Vučić diplomatische Unterstützung aus Frankreich und hofft, dass Präsident Emmanuel Macron zur Entschärfung der Lage beitragen kann. Während Serbien den komplexen Erwartungen sowohl Washingtons als auch Moskaus begegnet, steht das Land vor einer wegweisenden Entscheidung, die seine Energiesicherheit und außenpolitische Ausrichtung langfristig prägen könnte.